Ein Streit mit unvorhersehbaren Folgen: Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Freund verlässt Alexandra die gemeinsame Wohnung und streift stundenlang durch das nächtliche Chicago. Plötzlich nimmt sie ein Wohnmobil wahr, aus dem in voller Lautstärke ein Bob Marley-Song ertönt. Mr. Openshaw – laut Text ein „alter“ Herr (wenn man die Zeichnung sieht: eine Übertreibung, vielleicht auch unglückliche Übersetzung) -, der hinter dem Steuer sitzt, überrascht Alexandra mit der Frage, ob sie eintreten und sich die Nachtbibliothek ansehen möchte.
Die junge Frau beginnt in den Regalen zu stöbern und staunt nicht schlecht: in dieser Bibliothek finden sich ausschließlich Bücher, die sie kennt. Als sie auch noch auf ihr Tagebuch stößt und dem Bibliothekar gegenüber dieses als ihr Buch reklamiert, hört sie aus dem Mund Openshaws Erstaunliches:
Dies sind alles Ihre Bücher. Diese Sammlung enthält sämtliche Bücher, die Sie je gelesen haben.
Der Besuch Alexandras endet mit dem anbrechenden Tag ziemlich abrupt: die Nachtbibliothek ist nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang geöffnet. Ohne Ausnahme.
Aber dieses seltsame nächtliche Erlebnis lässt der jungen Frau keine Ruhe mehr.
Haben Sie je herausgefunden, was Ihnen wirklich am Herzen liegt, und es dann wieder verloren? Ich hatte mich selbst gesehen – ein Bildnis von mir als Leserin … Es war, als hätte ich mir den perfekten Liebhaber erträumt, der beim Erwachen verschwand und mich schmachtend und misslaunig zurückließ.
Alexandra stürzt sich mit Vehemenz in ihre neuen Lektüren, begleitet von der Hoffnung, die fahrende Bibliothek wiederzufinden; doch ihre ungezählten nächtlichen Wanderungen durch Chicago führen zu nichts. Und doch: Jahre später stößt sie unerwartet wieder auf den Bücherbus mit Mr. Openshaw am Steuer. Alexandra bittet ihn, seine Assistentin werden zu dürfen. Mangels freier Stelle in der Zentralbibliothek muss Openshaw ablehnen, rät Alexandra aber, den Beruf einer „normalen“ Bibliothekarin zu erlernen, was sie denn auch tut.
Zwölf Jahre, in denen sie unendlich viel gelesen hat, sind vergangen, als sie den Bücherbus erneut entdeckt. Die Regale der Nachtbibliothek biegen sich unter dem Gewicht der Bücher.
Ich trank meinen Tee und erkundete die hintersten Winkel meiner Sammlung. Jeder Rücken enthielt eine Erinnerung, jedes Buch stand für herrliche Stunden und Tage, die ich in Worte versunken verbracht hatte.
Als Mr. Openshaw ihren erneut und dringlich vorgebrachten Wunsch, für ihn zu arbeiten, mit den Worten „Tut mir leid. Sie wissen nicht, was Sie da verlangen.“ wiederum ablehnt, geht sie weinend davon …
Mehr will ich nicht über den Inhalt erzählen. (Dabei fehlt gar nicht mehr viel.) Ich hoffe, ich habe schon neugierig genug gemacht und Interesse an dieser zauberhaften Graphic Novel geweckt.
Ist das nun eine „nur“ schöne, phantasievolle Geschichte, geschrieben und gezeichnet für Bibliophile? Oder so etwas wie ein Gleichnis? Eine Mahnung, über der Liebe zum Lesen und zu Büchern das Leben nicht zu vergessen? Wofür steht die Nachtbibliothek? Hier mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.
In diesem Zusammenhang ist das Nachwort Audrey Niffeneggers über die Entstehung ihres Werks interessant. Wir erfahren, dass „Die Nachtbibliothek“ auf einem Traum aus ihrer Teenagerzeit beruht. Sie war im Traum gestorben, und ihr totes Ich entdeckte hinter einer schwarzen Tür eine riesige Bibliothek. Dort, wo die Decke hätte sein sollen, war ein ferner Nachthimmel. Die andere Besonderheit war, „dass ich nicht mehr tot war, sobald ich mich darin befand. Als ich aufwachte, war mir klar, dass ich so etwas wie den Himmel gesehen hatte.“ Die zweite Inspirationsquelle Audrey Nieffeneggers war eine Kurzerzählung von H. G. Wells: „Die Tür in der Mauer“.
Mein Fazit: „Die Nachtbibliothek“ ist eine nachdenklich stimmende, hintergründige, schön und farbenprächtig gezeichnete Geschichte, die zu lesen und zu betrachten wohl jedem Bücherliebhaber große Freude machen wird. Nach dem oben geschilderten Traum dürfte es auch kein Zufall sein, dass Alexandra, die gezeichnete „Heldin“ der Geschichte, große Ähnlichkeit mit der amerikanischen Künstlerin aufweist, die uns hier ihre erste Graphic Novel präsentiert.
Noch eine abschließende Bemerkung: Wie ich gesehen habe, wird das Buch mittlerweile unter dem Titel „Die Traumbibliothek“ angeboten. Ich kann mir das nur als Folge von Rechtsstreitigkeiten erklären. Der Originaltitel lautet „The Night Bookmobile“. „Die Nachtbibliothek“ war nicht nur näher am Original, sondern passte auch besser zum Inhalt. Die Abbildung oben zeigt das in meinem Besitz befindliche Exemplar.
Audrey Niffenegger
Die Nachtbibliothek / Die Traumbibliothek
Graf Verlag 2010







