Audrey Niffenegger: Die Nachtbibliothek (Die Traumbibliothek)

Ein Streit mit unvorhersehbaren Folgen: Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Freund verlässt Alexandra die gemeinsame Wohnung und streift stundenlang durch das nächtliche Chicago. Plötzlich nimmt sie ein Wohnmobil wahr, aus dem in voller Lautstärke ein Bob Marley-Song ertönt. Mr. Openshaw – laut Text ein „alter“ Herr (wenn man die Zeichnung sieht: eine Übertreibung, vielleicht auch unglückliche Übersetzung) -, der hinter dem Steuer sitzt, überrascht Alexandra mit der Frage, ob sie eintreten und sich die Nachtbibliothek ansehen möchte. Die Nachtbibliothek Die junge Frau beginnt in den Regalen zu stöbern und staunt nicht schlecht: in dieser Bibliothek finden sich ausschließlich Bücher, die sie kennt. Als sie auch noch auf ihr Tagebuch stößt und dem Bibliothekar gegenüber dieses als ihr Buch reklamiert, hört sie aus dem Mund Openshaws Erstaunliches:

Dies sind alles Ihre Bücher. Diese Sammlung enthält sämtliche Bücher, die Sie je gelesen haben.

Der Besuch Alexandras endet mit dem anbrechenden Tag ziemlich abrupt: die Nachtbibliothek ist nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang geöffnet. Ohne Ausnahme.

Aber dieses seltsame nächtliche Erlebnis lässt der jungen Frau keine Ruhe mehr.

Haben Sie je herausgefunden, was Ihnen wirklich am Herzen liegt, und es dann wieder verloren? Ich hatte mich selbst gesehen – ein Bildnis von mir als Leserin … Es war, als hätte ich mir den perfekten Liebhaber erträumt, der beim Erwachen verschwand und mich schmachtend und misslaunig zurückließ.

Alexandra stürzt sich mit Vehemenz in ihre neuen Lektüren, begleitet von der Hoffnung, die fahrende Bibliothek wiederzufinden; doch ihre ungezählten nächtlichen Wanderungen durch Chicago führen zu nichts. Und doch: Jahre später stößt sie unerwartet wieder auf den Bücherbus mit Mr. Openshaw am Steuer. Alexandra bittet ihn, seine Assistentin werden zu dürfen. Mangels freier Stelle in der Zentralbibliothek muss Openshaw ablehnen, rät Alexandra aber, den Beruf einer „normalen“ Bibliothekarin zu erlernen, was sie denn auch tut.

Zwölf Jahre, in denen sie unendlich viel gelesen hat, sind vergangen, als sie den Bücherbus erneut entdeckt. Die Regale der Nachtbibliothek biegen sich unter dem Gewicht der Bücher.

Ich trank meinen Tee und erkundete die hintersten Winkel meiner Sammlung. Jeder Rücken enthielt eine Erinnerung, jedes Buch stand für herrliche Stunden und Tage, die ich in Worte versunken verbracht hatte.

Als Mr. Openshaw ihren erneut und dringlich vorgebrachten Wunsch, für ihn zu arbeiten, mit den Worten „Tut mir leid. Sie wissen nicht, was Sie da verlangen.“ wiederum ablehnt, geht sie weinend davon …

Mehr will ich nicht über den Inhalt erzählen. (Dabei fehlt gar nicht mehr viel.) Ich hoffe, ich habe schon neugierig genug gemacht und Interesse an dieser zauberhaften Graphic Novel geweckt.

Ist das nun eine „nur“ schöne, phantasievolle Geschichte, geschrieben und gezeichnet für Bibliophile? Oder so etwas wie ein Gleichnis? Eine Mahnung, über der Liebe zum Lesen und zu Büchern das Leben nicht zu vergessen? Wofür steht die Nachtbibliothek? Hier mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

In diesem Zusammenhang ist das Nachwort Audrey Niffeneggers über die Entstehung ihres Werks interessant. Wir erfahren, dass „Die Nachtbibliothek“ auf einem Traum aus ihrer Teenagerzeit beruht. Sie war im Traum gestorben, und ihr totes Ich entdeckte hinter einer schwarzen Tür eine riesige Bibliothek. Dort, wo die Decke hätte sein sollen, war ein ferner Nachthimmel. Die andere Besonderheit war, „dass ich nicht mehr tot war, sobald ich mich darin befand. Als ich aufwachte, war mir klar, dass ich so etwas wie den Himmel gesehen hatte.“ Die zweite Inspirationsquelle Audrey Nieffeneggers war eine Kurzerzählung von H. G. Wells: „Die Tür in der Mauer“.

Mein Fazit: „Die Nachtbibliothek“ ist eine nachdenklich stimmende, hintergründige, schön und farbenprächtig gezeichnete Geschichte, die zu lesen und zu betrachten wohl jedem Bücherliebhaber große Freude machen wird. Nach dem oben geschilderten Traum dürfte es auch kein Zufall sein, dass Alexandra, die gezeichnete „Heldin“ der Geschichte, große Ähnlichkeit mit der amerikanischen Künstlerin aufweist, die uns hier ihre erste Graphic Novel präsentiert.

Noch eine abschließende Bemerkung: Wie ich gesehen habe, wird das Buch mittlerweile unter dem Titel „Die Traumbibliothek“ angeboten. Ich kann mir das nur als Folge von Rechtsstreitigkeiten erklären. Der Originaltitel lautet „The Night Bookmobile“. „Die Nachtbibliothek“ war nicht nur näher am Original, sondern passte auch besser zum Inhalt. Die Abbildung oben zeigt das in meinem Besitz befindliche Exemplar.

Audrey Niffenegger
Die Nachtbibliothek / Die Traumbibliothek
Graf Verlag 2010

Alexander Pechmann: Die Bibliothek der verlorenen Bücher

Wie kann ich mich dem Unter-Unter-Bibliothekar gegenüber erkenntlich zeigen? Die Führung durch die seiner Obhut anvertraute „Bibliothek der verlorenen Bücher“ zeichnete sich durch Kompetenz aus, sie war interessant, kurzweilig, ja manchmal amüsant, gelegentlich auch erschreckend. Und dank der Aufmerksamkeit meines Begleiters bin ich auf die Urfassung von „Druckschrift“ Bibliothek der verlorenen Büchergestoßen: die fast viertausend Jahre alte Phaistos-Scheibe, die 242 rätselhafte Symbole enthält. Die Zeichen wurden mit Stempeln in die tönerne Scheibe geprägt, was auf einen verbreiteten Gebrauch dieser „ältesten bekannten Druckschrift“ schließen lässt. Ich hoffe nur, dass die aktuelle „DruckSchrift“ weniger rätselhaft ist, aber eine ähnlich weite Verbreitung findet …

Nun, ich werde mich beim Autor der „Bibliothek der verlorenen Bücher“ für die interessanten Einblicke, die ich gewinnen konnte, mit einer positiven Rezension revanchieren. Sollte auch sein Buch eines Tages wie vom Erdboden verschwunden sein, finden seiner Nachfolger als Unter-Unter-Bibliothekare vielleicht in 50 oder 100 Jahren Hinweise darauf hier im Blog. Auch wenn das Druckwerk selbst dann in keinem Antiquariat der Welt mehr aufzutreiben sein mag: DruckSchrift beweist, dass es das Buch gegeben hat und mindestens einmal gelesen wurde…

Aber ich hoffe natürlich sehr, dass „Die Bibliothek der verlorenen Bücher“ weit mehr Leser findet (und sicher auch schon gefunden hat – es stammt aus dem Jahr 2007). Alexander Pechmann, Autor Herausgeber und Übersetzer, hat sich bisher vor allem mit der englischen und amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts befasst. Hier nun geht es um Bücher, die

im Lauf der letzten Jahrhunderte durch Zufälle oder Unfälle, im Wahn, im Zorn oder mit kaltblütiger Absicht von Autoren, Verlegern, Erben, Anwälten, Pfaffen, Pädagogen, Tyrannen, Soldaten, Zensoren und Lesern vernichtet wurden, die Naturgewalten zum Opfer fielen, die an geheimen Orten versteckt oder in unverständlichen Sprachen und unentzifferbaren Schriften verfasst wurden, so dass sie von niemandem gelesen werden können.

Pechmann hat die Geschichte solcher Bücher, Manuskripte, Aufzeichnungen – die vielfach untrennbar mit dem Schicksal ihrer Autoren verbunden ist – gesammelt und in diesem Band zusammengefasst. Das Zitat oben zeigt schon die ganze Bandbreite, denn es gibt unzählige Gründe dafür, dass Werke heute nicht (mehr) oder nur fragmentarisch zur Verfügung stehen.

Ein paar Beispiele:

Manchmal liegen Pech und Glück dicht beieinander. Das zeigt die Geschichte des englischen Autors Malcom Lowry. Das Manuskript seines Erstlings „Ultramarin“ steckte in der Aktentasche seines Lektors, die in einem kurzen unbewachten Moment aus dessen Auto gestohlen wurde; dass Lowrys Freund Martin Case die Entwürfe einer ersten Fassung heimlich aus dem Papierkorb gefischt hatte, machte es dem Unglücksraben möglich, das Buch noch einmal zu schreiben. Das Manuskript zu einem weiteren Roman, „The Ballast of the Sea“, war nahezu fertig gestellt, als Lowrys Hütte in Flammen aufging und diese sowie weitere Arbeiten für immer vernichtete. Nur dem wagemutigen Einsatz seiner Frau war es zu verdanken, dass eine von mehreren Fassungen eines anderen Werkes, „Unter dem Vulkan“, aus den Flammen gerettet wurde und so der literarisch interessierten Welt erhalten blieb.

Eine Erkenntnis aus Pechmanns Buch ist: Autoren (oder deren Ehefrauen), die Manuskripte mit sich herumschleppen, sollten Bahnhöfe meiden. Natürlich fehlt in dieser Sammlung nicht die Geschichte von Hemingways Ehefrau Hadley, der auf der Bahnfahrt von Paris nach Lausanne der Koffer mit den frühen Arbeiten des später so berühmten Amerikaners abhanden kam. Auch T.E. Lawrence wurde die lange Wartezeit auf dem Bahnhof von Reading zum Verhängnis. Er „bezahlte“ die Kaffeepause mit dem Verlust der ursprünglichen Fassung von „Die sieben Säulen der Weisheit“.

Nicht wenige Autoren vernichteten ihre Papiere oder Teile davon selbst – weil sie, wie zum Beispiel Thomas Mann, bestimmte Aufzeichnungen für zu persönlich und ihr Bekanntwerden für zu riskant hielten.

Im Fall der Lady Byron zerrissen deren Anwälte – ohne sie gelesen zu haben – die Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Lord Byron, von denen erwartet wurde, dass sie mehr als reichlich Stoff für Klatschmäuler enthielten.

Prosper Mérimée, dem wir die berühmte Novelle „Carmen“ verdanken, war schon ein Jahr tot, als 1871 seine umfangreiche Bibliothek und damit auch sein gesamter schriftlicher Nachlass in Flammen aufging. Von seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit hatte er wohl keine besonders hohe Meinung: mindestens eins seiner frühen Werke, eine Prosatragödie über Cromwell, verbrannte er eigenhändig. Nebenbei gesagt: Er hatte wohl ohnehin ein sehr freies Verhältnis zur Literatur – und zur Wahrheit. So veröffentlichte er einen frei erfundenen Reisebericht über eine Reise, die noch gar nicht stattgefunden hatten. Der Erlös aus dem Verkauf des Buches sollte dann die eigentliche Reise finanzieren.

Das Beispiel Mérimée macht deutlich, dass der Unter-Unter-Bibliothekar nicht stur über verloren gegangene Werke referiert, sondern auch ein oft erhellendes Schlaglicht auf die Biografie, die Eigenheiten und andere Arbeiten – veröffentlicht oder nicht – der fraglichen Schriftsteller wirft.

Oft ist in Pechmanns Buch von Autoren die Rede, die ihrem eigenen Werk gegenüber dermaßen kritisch waren, dass sie die Manuskripte lieber ins Feuer warfen, als sie zu veröffentlichen. Auch die Angst vor staatlichen Repressionen, vor der Gefährdung des eigenen Lebens oder des Lebens von Freunden, ist ein häufig anzutreffendes Motiv.

Neben individuellen Gründen und Schicksalen gibt es globale Auslöser für Büchervernichtungen großen Stils, über die Alexander Pechmann berichtet: großflächige Brände, Kriege, politische oder religiöse Verfolgung haben Werke und Werte von unschätzbarem Ausmaß unwiederbringlich ausgelöscht.

Interessant auch das Kapitel über imaginäre Bibliotheken und deren „Bücherbestände“; oft haben in diese nur in der Phantasie der Autoren existierende Bibliotheken „echte“ Bücher Aufnahme gefunden, oft waren aber auch die Bücher selbst fiktiv.

Die bekannteste dieser Imaginären Bibliotheken dürfte die „Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges sein. Dessen Satz „Die bloße Möglichkeit eines Buches ist hinreichend für sein Dasein“ dient als passendes Leitmotiv für „Die Bibliothek der verlorenen Bücher“.

Wenn Ihr nach dem informativen Rundgang (oder der Lektüre dieses Beitrags in DruckSchrift) bedauert, das eine oder andere der leider verschollenen Bücher nicht lesen zu können, aber Lust zu intensiverer Beschäftigung mit vorgestellten Autoren verspürt, findet Ihr am Ende des Pechmann-Buches eine ausführliche Literaturliste.

Wenn Ihr aber erst einmal selbst durch die endlosen Räume und Gewölbe der „Bibliothek der verlorenen Bücher“ streifen wollt, steht Euch der Unter-Unter-Bibliothekar für eine Führung zur Verfügung. Ja, ich bin mir sicher: er würde sich über Euren Besuch sehr freuen. Bestellt ihm einen schönen Gruß von mir.

Alexander Pechmann
Die Bibliothek der verlorenen Bücher
Aufbau Verlag 2007, 226 Seiten

Jostein Gaarder: Der Geschichtenverkäufer

Eine gewöhnliche Kindheit ist das nicht. Dem kleinen Petter graut davor, dass Nachbarsjungen klingeln und ihn zum Spielen auffordern könnten. Er bleibt lieber allein zu Hause und taucht in seine blühende Phantasiewelt ein. Schon früh liest er mit Begeisterung dickbändige Werke über Der GeschichtenverkäuferLiteratur- und Musikgeschichte oder Lexika von A – Z. Gern begleitet der Junge seine Mutter in die Oper und ins Kino. In der Schule ist er ein richtiger Überflieger, der außer in Sport ständig Bestnoten schreibt. Die Hausausgaben erledigt er „mit Links“ und schreibt Aufsätze in mehreren Varianten. Schon bald erledigt er im Tausch gegen einen kleinen Obulus in Form von Süßigkeiten oder Gefälligkeiten Hausaufgaben für andere Schüler mit, wobei er sorgsam darauf achtet, auf deren Leistungsniveau zu bleiben.

Aber Petter ist nicht nur ausnehmend intelligent. Er hat eine geradezu überbordende Phantasie und erfindet Geschichten am laufenden Band. Als junger Mann fängt er an, seine Ideen für Geschichten zu notieren, Szenarien zu entwickeln, Synopsen zu schreiben. Er heftet die Papiere sorgsam ab, denn er hat keine schriftstellerischen Ambitionen. Aber er ist knapp bei Kasse. Und so bietet er einem ihm flüchtig bekannten jungen Schriftsteller ein Manuskript an. Absolut vertraulich und mit der Zusage an den Autor, der Einzige zu sein, dem ein solches Angebot gemacht wird. Geforderte Gegenleistung: Übernahme der Kosten für den gemeinsam in der Kneipe getrunkenen Wein und 50 Kronen.

Der erste Schriit zur Gründung des – wie Petter es später nennt – Autorenhilfswerks ist getan. Petter findet unter Schriftstellern, denen die Ideen ausgegangen sind, reichlich Abnehmer für seine Geschichten, die ihn mit der Zeit zu einem vermögenden Mann machen. Nachdem er seine Entwürfe zunächst für einen Festpreis verkaufte, verlangt er mittlerweile, auch an den Tantiemen beteiligt zu werden. Er seinerseits garantiert absolute Verschwiegenheit und weiß jedem einzelnen Kunden den Eindruck zu vermitteln, die absolute Ausnahme zu sein. Doch eines Tages droht das immer weiter gespannte geheime Netz zu reissen …

Der Norweger Jostein Gaarder, bekannt geworden durch „Sofies Welt“, verkauft uns hier eine Geschichte, die man wohl als Persiflage auf den Literaturbetrieb verstehen muss/soll. Oder? Ist der Gedanke, dass es Ideenlieferanten für Schriftsteller auch in der Realität geben könnte, so abwegig? Ich weiß es nicht, aber bei  d e m  Massenaustoß an Belletristik würde es mich nicht einmal wundern. Und es gibt ja auch Menschen, die die Pointen für Unterhaltungskünstler à la Harald Schmidt & Co. schreiben …

Zurück zu Gaarders „Geschichtenverkäufer“: Der ist ein kühler, selbstbewusster, ja selbstverliebter und hoch intelligenter Mann. Er erweist sich als bindungsunwillig und bindungsunfähig, doch dann trifft er mit Maria eine Frau, die ihn fasziniert und die es mit ihm aufnehmen kann. Die Beziehung zu ihr hat weitreichende Folgen für sein Leben.

Fesselnd erzählt wird die Geschichte des Geschichtenverkäufers Petter, der „Spinne“, nicht. Sie plätschert lange vor sich hin, was – in Verbindung mit Wiederholungen – die Aufmerksamkeit nicht gerade fördert. Zudem weist sie die eine und andere Ungereimtheit auf. Während der Lektüre macht sich denn auch des öfteren Langeweile breit. Zum Beispiel dann, wenn die Geschichten, die Petter ersinnt, über mehrere Seiten lang und breit geschildert werden. Eine Bedeutung dieser „Geschichten in der Geschichte“ für den Fortgang der Erzählung habe ich nicht erkennen können, und ich hatte auch keine Lust, sie rückblickend noch einmal nachzulesen. Allerdings gibt es eine große Ausnahme, die für den Ausgang des Romans wesentlich ist: die (wiederholte) Geschichte des Zirkusmädchens Panina Manina, die Petter seiner kleinen Tochter vor vielen Jahren erzählt und die er danach nicht mehr wiedergesehen hat.

Kurz: „Der Geschichtenverkäufer“ hat mich nicht hundertprozentig überzeugt. Die Geschichte wird über weite Strecken zu ausschweifend erzählt; erst etwa im letzten Drittel kommt etwas Spannung auf. Mir kommt es vor, als sei ein interessantes Thema vom Autor „unter Wert verkauft“ worden. Ein Buch, das man lesen kann, aber nicht gelesen haben muss.

Jostein Gaarder
Der Geschichtenverkäufer
Deutscher Taschenbuch Verlag 2004, 272 Seiten

Die Bretagne ruft …

… und wir kommen.

Am Sonntag geht es wieder los. Während mein Mann und Kater DJ voraussichtlich bis Mitte Oktober in der Bretagne bleiben, werde ich den Aufenthalt in unserer 2. Heimat im Juli für ca. 6 Wochen unterbrechen, um dann wieder dorthin zurückzukehren.

Was geht an Büchern mit? Darling JaneWährend der ersten Phase des diesjährigen, erstmals sehr langen Bretagne-Aufenthalts will ich mich etwas intensiver mit Jane Austen befassen: Nachdem ich den Roman vor Jahren erstmals gelesen habe, steht “Stolz und Vorurteil” wieder einmal auf der Leseliste. Neu für mich wird “Die Abtei von Northanger” sein. Außerdem habe ich mir vorgenommen, die von Christian Grawe verfasste Austen-Biographie “Darling Jane”  zu lesen.

Natürlich werde ich auch einige meiner geliebten “Bücher-Bücher” einpacken: “Die Bibliothek der verlorenen Bücher” von Alexander Pechmann zum Beispiel, die Die NachtbibliothekGraphic Novel “Die Nachtbibliothek” von Audrey Niffenegger und den Roman “Die Antiquarin” von Sheridon Hay, um ein paar hoffentlich neugierig machende Titel zu nennen. Meine Lektüre-Eindrücke werde ich natürlich hier in DruckSchrift posten.

Nicht zu vergessen: In diesem Sommer will ich endlich auch ernst machen mit dem Vorhaben, mich mit der Kunst der Kalligrafie vertraut zu machen: ein Einführungsbuch von Gottfried Pott ist schon eingepackt.

Muss ich noch extra erwähnen, dass man in der Bretagne auch Anderes tun kann als zu Lesen und zu Schreiben? Wohl kaum. Ihr hört von mir.

Jason Thompson: Kunst aus Büchern

28 Projekte für spielerisches Recycling

Keine Angst – niemand braucht seine Lieblingsbücher zu opfern. Aber ohne Bücher geht es nun einmal nicht bei dieser Art von künstlerischem Schaffen. Sie sind das Ausgangsmaterial. Die Beispiele auf dem Cover zeigen deutlich, was angesagt ist. Durch Falten, Rollen, Zerlegen und Heften entstehen Objekte, die mit dem ursprünglichen Buch nichts mehr gemein haben.

Kunst aus BüchernKunst aus Büchern zu schaffen ist eine schöne Verwertungsmöglichkeit für aussortierte Bücher – seien es eigene, aus Bibliotheken ausgemusterte oder Flohmarkt-Exemplare. Im Prinzip eignet sich jedes Buch als Grundstoff für die Schaffung von Objekten, wobei alte illustrierte Bücher vermutlich zu besonders reizvollen Ergebnissen führen.

Dazu bietet das Buch des Amerikaners Jason Thompson viele Anregungen. Doch bevor man sich in die praktische Arbeit stürzt und sich voller Elan daranmacht, Bücher zwecks Schaffung von Kunstobjekten auseinanderzunehmen, sollte man erst einmal das kurze Eingangskapitel lesen. Hier stellt der Autor die  benötigten Materialien und Werkzeuge vor – die Anforderungen sind weder groß noch kostspielig. Dann werden noch kurz die einzelnen Bestandteile eines Buches beschrieben. Danach geht es gleich an die künstlerische Arbeit. Schritt für Schritt wird erläutert, wie man Taschenbuch-Postkarten herstellt, Brieftaschen aus Buchhüllen, Papierhäuschen aus Büchern, Papierblüten , Dekokugeln aus Papierstreifen, Buchmobiles, Wall-Art-Rahmen oder handgeformte Buchobjekte. Insgesamt werden 28 mögliche Projekte vorgestellt, aber der eigenen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Sehr schön ist, dass man auch Werke von Meistern dieser Art von Buchkunst studieren und sich bei ihnen viele Anregungen für die eigene Arbeit holen kann. Das 3. Kapitel präsentiert nämlich in einer Art Galerie unter dem Titel “Bücher neu konzipieren” auf jeweils einer Seite insgesamt 35 Papierkünstler/innen mit Beispielen aus deren Schaffen. Einer von ihnen ist der  Buchautor selbst: Thompson weiß, worüber er schreibt. Er ist, so lesen wir auf dem Umschlagtext, Gründer der Rag & Bone Buchbinderei, “die sich der Herstellung einzigartiger, handgebundener Bücher und Alben für den Verkauf in Geschenk- und Papeteriegeschäften verschrieben hat”.

Das im Buch befindliche Verzeichnis der Künstler enthält auch die Adressen von deren Homepages. Somit hat man ohne große eigene Recherche die Möglichkeit, sich auch dort umzusehen und sich inspirieren zu lassen. Und DruckSchrift hat sich vorgenommen, nach und nach einige der Buch-/Papierkünstler vorzustellen.

Jason Thompson
Kunst aus Büchern
28 Projekte für spielerisches Recycling
Haupt Verlag 2012, 152 Seiten, 24,90 EUR

Bibliothek Stift Seitenstetten

Heute werfen wir per Ansichtskarte einen Blick in die, wie mir scheint, wunderschöne Bibliothek des Stifts Seitenstetten.

Bibliothek Stift Seitenstetten

Das Benediktinerstift befindet sich im Bezirk Amstetten in Niederösterreich. Es kann auf eine 900 Jahre währende Tradition zurückblicken. Besucherinnen und Besucher erwartet eine Reihe von Sehenswürdigkeiten, darunter die Bibliothek.

Die Galerie und die Bücherschränke wurden aus Nussbaumholz hergestellt. “Sämtliche Bücher wurden”, so lesen wir auf der Homepage des Stifts,

zumindest mit einem weißen Rücken aus Schweinsleder versehen, viele sogar ganz in weiß eingefasst, sodass der ganze Saal ein einheitliches Farbkonzept aufweist. Das Deckenfresko stammt vom Meister der österr. Barockmalerei, Paul Troger: ‘Die Anbetung des Lammes’ aus der Offenbarung des Johannes.

Ausführliche Informationen über das Stift finden sich unter www.stift-seitenstetten.at.

Hereinspaziert: Englische und französische Dichter und ihre Häuser

Heute stelle ich zwei schöne und lesenswerte Taschenbücher aus dem Insel Verlag vor: “Englische Dichter und ihrer Häuser” sowie das Pendant “Französische Dichter und ihre Häuser”. Wir haben es hier  nicht mit den heute so beliebten Englische Dichter und ihre Häuserplatten “Home-Stories” zu tun; beide Bücher stellen eine gelungene Mischung aus Biografie und englischer bzw. französischer Literaturgeschichte dar und sind einheitlich konzipiert.

Im Band über die englischen Dichter präsentiert  Autor Hans-Günter Semsek 13 Porträts berühmter Autoren von der Insel, führt uns durch deren Häuser  und erzählt anschaulich, wie sie dort gelebt und gearbeitet haben und welchen Stellenwert diese Häuser für ihren Werdegang und ihr Schaffen hatten. Vertreten sind u. a. Jane Austen in Chawton House, die Brontës im Pfarrhaus, Vita Sackville-West und Harold Nicolson in Sissinghurst Castle, Sir Walter Scott in Abbotshouse und Virginia und Leonard Woolf in Monk’s House.

Die Beiträge über die französischen Dichter und deren Domizile stammen aus der Feder von Ralf Nestmeyer. Gleich 17 Französische Dichter und ihre HäuserVertreter der Dichtkunst sind in dem Band vereint, darunter Honoré de Balzac in Paris, Victor Hugo an der Place des Vosges, Alexandre Dumas in Port-Marly, Marcel Proust in Illiers-Combray und George Sand in Nohant.

Beide Bände sind mit zahlreichen Fotos ausgestattet, die uns die Dichter selbst zeigen, uns aber auch erlauben, ihre Häuser zu betrachten und zudem einen Blick in deren Inneres zu werfen. Es überwiegt aber ganz eindeutig der Text.

Der Bucheinband über die englischen Dichter zeigt übrigens das Schreibzimmer von Rudyard Kipling, der über die französischen den Schreibtisch von Jean Cocteau.

Wichtig zu wissen ist, dass ausschließlich “Dichter-Häuser” vorgestellt werden, die auch besichtigt werden können. Einzelheiten wie Lage, Wegbeschreibung etc. finden sich am Ende eines jeden Kapitels. Da die Bücher aber nicht mehr ganz taufrisch sind, sollte man sich, bevor man sich erwartungsvoll auf den Weg macht, vorher auf jeden Fall vergewissern, ob z. B. die angegebenen Öffnungszeiten noch aktuell sind.

Aber auch, wenn man nicht die Absicht hat, die zumeist sehr schönen Anwesen zu besuchen und auf den Spuren großer Schreibkünstler zu wandeln: die Lektüre der Bücher lohnt auf jeden Fall. Ich jedenfalls fand sie lehrreich und dabei ausgesprochen unterhaltsam.

Hans-Günter Semsek
Englische Dichter und ihre Häuser
Insel Taschenbuch 2553, 2001

Ralf Nestmeyer
Französische Dichter und ihre Häuser
Insel Taschenbuch 3093, 2005